Sonntag, 14. Mai 2017

Janne Teller – Nichts

Ein Fehler war das Verhalten der Kinder von einem herkömmlichen Standpunkt her nicht. Man achtet als durchschnittlicher Mensch ja zu einem gewissen Grad den Wertehorizont seiner Mitmenschen, da liegt die Besonderheit wohl noch nicht.

Es ist eher, daß sich als Gegenthese, bzw versuchter Gegenbeweis zu Pierre-Antons Sicht die Suche nach Bedeutung zu einem ausufernden Opferritual hochschaukelt, bei dessen Verlauf schon vergessen wird, zu welchem Zweck die Kinder es eigentlich veranstalten:







Die Kinder sind der Meinung, daß etwas Bedeutung hat oder wollen Pierre-Antons Weltsicht nicht wahrhaben, so gestalten sie vordergründig eine Sammlung bedeutungsträchtiger Gegenstände. Hintergründig aber spielen sie Pierre-Anton durchweg in die Hände: Sie fallen ihrer gegenseitigen Hinterlist zum Opfer, bringen ihre niederträchtigsten Seiten zum Vorschein, und das alles im Namen eines Phantoms namens Bedeutung. Bedeutung die mit dem Berg aus Bedeutung mehr eine Anhäufung schmerzhaften Verlustes sind - eine Praktik, mit der, ohne daß sie es gewollt hätten, der Sicht Pierre-Antons näher kommen, nur auf eine brachiale Weise anstatt in einer newtonschen Erleuchtung.

Was die Kinder als die Verteidigung des einzigen gegebenen, beständigen Wertes ihrer Welt, der Bedeutung, ansehen, gibt sich also mehr oder weniger als eine Phänomenologie der Abhängigkeit.

Was Pierre-Anton dagegen zu bieten hat, ist die Freiheit. Und da er die anderen Kinder verspottet und vollkommen auf seiner Erkenntnis beharrt, ist es natürlich zu erwarten, daß die Kinder, schon allein aus diesem arroganten Benehmen Pierres ihren Trotz entgegenbringen.

War das fahrlässig, war das durchdacht? Wer ist wirklich überlegen?

Kommentare:

  1. Was hat ein Fahrrad zu bedeuten? Wieviel Wert hat ein Hamster? Eine Angelrute, ein Paar Sandalen? Was ist mit der Bedeutung von Sachen, die über persönlichen Wert gehen? Eine Flagge, eine Kinderleiche, ein Gebetsteppich, eine Jesusfigur? Welche Bedeutung ist beständig?

    Wer es gern dick aufgetragen hört, kann Pierre Anton als eine Art Nietzsche-Christus denken:
    Er verkündet die Götzendämmerung. Jedes Ding, jeder Gegenstand, jede Sache, die etwas verkörpert, ist bloß ein Götze, ein ausgelagertes Objekt für eine Projektion von etwas, das Bedeutung heißt.
    Diese Dinge sind in der Welt. Aber Pierre-Anton verkündet, daß es dort nichts an Bedeutung gibt. Damit zerschmettert er alle Götzen und wie die Juden vollkommen kopflos waren - als Jesus die Macht des alten Gottes, eines tyrranischen Götzen, vernichtet hat und die Menschen auffordert, nur noch an ihn zu glauben, an die Freiheit des Menschen aus sich - so sind die Kinder irritiert und glauben sich der wichtigsten Sache der Welt beraubt.

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  2. Als sei Pierre-Anton die berüchtigte Person in Platons Höhlengleichnis, der die Welt der Wahrheit gesehen hätte und sie nun den Übrigen, den Unverständigen verkünden will, so rebellieren auch in Janne Tellers 'Nichts' diese Übrigen, die Kinder, daß, was er erzählt, vollkommen unsinnig sein müsse. Aber diese können ja schließlich immer nur in Begriffen ihrer Lebens-Illusion denken, darum auch die wahren Begriffe des einzig Sehenden nicht hinreichend bewerten.
    Naja, das Buch war wohl auch nicht erste Qualität. Ich habe es aber an einem Abend, ohne es aus der Hand zu legen, ausgelesen - das sagt ja auch etwas.

    Leider habe ich dann unorigineller Weise begonnen, darüber nachzudenken, was in meinem Leben von Bedeutung ist, und lag dann irgendwann um 2 Uhr nachts im Bett, starrte an die Decke und war nahe daran in Tränen auszubrechen. Aber wenn man es so weit kommen lässt, wie kann man dann wissen, ob es einen Weg zurück in den gewohnten, ausgeglichenen gleichgültigen Gemütszustand gibt?

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